13 Fragen & Antworten zu Gaia-X & GXFS

Im Interview mit Emma Wehrwein, Projektleiterin GXFS

Emma Wehrwein

Das Momentum für Gaia-X wächst stetig. Überall in Europa stoßen mehr und mehr Unternehmen und Teams zur Initiative. Die ersten Pilotprojekte nehmen Fahrt auf. Aber die Komplexität hinterlässt auch viele Fragezeichen. Insiderin Emma Wehrwein vom eco – Verband der Internetwirtschaft e.V. klärt im Interview einige häufig gestellte Fragen auf.

Emma Wehrwein, Sie sind Projektleiterin für die Gaia-X-Föderationsdienste sowie Projektmanagerin für digitale Geschäftsmodelle beim eco. Für Nichttechniker: Was ist Gaia-X?

Gaia-X ist eine aus Europa heraus gestartete Initiative: Hunderte Unternehmen und Organisationen, vereinzelt gefördert von den Mitgliedsstaaten und zunehmend auch über die EU, bauen eine föderierte Dateninfrastruktur der nächsten Generation für Europa auf. Gaia-X vernetzt dazu isolierte Datenquellen in Organisationen und konkurrierende Cloud-Dienste verschiedener Anbieter zu einem Ökosystem. Damit können Unternehmen, Organisationen, Behörden und auch die Bürgerinnen und Bürger Daten sicher und vor allem souverän austauschen. Das bedeutet: Sie behalten die volle Kontrolle über ihre Daten und laufen nicht mehr Gefahr, sich von einzelnen Plattformanbietern technisch abhängig zu machen. Für dieses Ökosystem entwickelt Gaia-X Regeln, Standards, Baupläne und Technik für Datensouveränität, Interoperabilität und Wahlfreiheit bei digitalen Diensten.

Was sind die Gaia-X Federation Services (GXFS)?

Die Gaia-X Federation Services zu Deutsch Föderationsdienste oder kurz GXFS liefern das technische Fundament für das europäische Daten-Ökosystem. Die GXFS sind ein Software-Framework unter Open-Source-Lizenz, also eine Sammlung von quelloffenen Programmbausteinen. Mit ihnen lassen sich cloud-basierte Daten-Ökosysteme – wir nennen sie Föderationen – aufbauen und verwalten.

Was sind Föderationen?

Gaia-X verfolgt – typisch für Europa – einen föderalen Ansatz. Das bedeutet: Es wird keine zentralisierte europäische Cloud- und Datenplattform für alle geben. Dafür sind die technischen Anforderungen in den EU-Ländern und Wirtschaftssektoren zu unterschiedlich. Außerdem könnte niemand mehr auf der grünen Wiese einen neuen Hyperscaler aufbauen. Stattdessen gestalten Anwenderunternehmen und IT-Dienstleister ihre eigenen Datenökosysteme nach ihren Bedürfnissen entlang von Branchen, Wertschöpfungsketten, Forschungsthemen oder geographischen Räumen. Dazu organisieren sie sich in selbstverwalteten Gaia-X-Föderationen. Sie bestimmen und überwachen die Regeln und technischen Vorgaben für ihre Mitglieder. Die GXFS liefern die Technologiebausteine und sorgen dafür, dass unterschiedliche Föderationen nach denselben Werten funktionieren und die Daten-Ökosysteme später auch technisch miteinander kooperieren können. Hierbei erfinden wir das Rad nicht neu, sondern greifen nach Möglichkeit auf bestehende Techniken, Lösungen und Dienste zurück.

Wie hängen Gaia-X und GXFS zusammen?

Die Federation Services sind Teil von Gaia-X. Beauftragt und koordiniert wurde ihre Entwicklung vom deutschen Projektbüro GXFS-DE unter Leitung des eco – Verband der Internetwirtschaft e.V. und im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK). Die GXFS entstanden dabei in enger Kooperation mit der Gaia-X Association for Data and Cloud (AISBL), dem Zentralverband der Initiative mit Sitz in Brüssel, und weiteren Initiativen, wie z.B. dem Sovereign Cloud Stack.

Wie gehören Gaia-X und die nationalen Gaia-X-Hubs zusammen?

Neben der Gaia-X AISBL in Brüssel bilden IT-Provider zusammen mit Anwenderunternehmen und -organisationen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung die zweite Säule des Projekts. Sie engagieren sich auf Ebene der Mitgliedsstaaten in nationalen Hubs. So lassen sich die Besonderheiten der verschiedenen Volkswirtschaften angemessen abbilden. Die Hubs sind kein Organ der AISBL, aber sie unterstützen die Initiative als Denkfabriken, Multiplikatoren und nationale Anlaufstellen.

Die dritte große Gruppe ist die Open-Source-Community für die Software-Komponenten der Initiative. Die Community umfasst das gesamte, globale Gaia-X-Netzwerk. Nutzer und Anbieter arbeiten auf der Basis von Data-Space-Events, Hackathons und Onboarding-Webinaren, Community Newsflashs und Summits zusammen. Jeder ist willkommen, sich in der Gaia-X-Community zu engagieren und zum Aufbau einer föderierten Dateninfrastruktur beizutragen.

Ab wann sollte ich als Unternehmen einer Föderation beitreten oder sie gründen?

Je nachdem, wie groß Sie Ihr Vorhaben planen: Sie benötigen keine Föderation, wenn Sie im Rahmen Ihres Geschäftsmodells oder Ihrer Wertschöpfungskette Daten nur mit einer Handvoll Partner austauschen. Wenn Sie aber einen Datenraum mit Dutzenden, Hunderten oder noch mehr Partnern teilen, besonders mit häufig wechselnden Akteuren, brauchen sie eine eigene Organisation. Ab dieser Komplexitätsstufe macht es Sinn, wenn sich die Teilnehmenden eines Datenraums in einer eigenen Föderation zusammentun. Ein gutes Beispiel ist das Leuchtturmprojekt Catena-X, das Lieferketten in der Automobilindustrie digitalisieren will. Hier erarbeitet die Föderation gemeinsame Anforderungen, legt Regeln fest und entwickelt technische Lösungen, wie zum Beispiel Standardschnittstellen für den Datenaustausch.

Wie kann mein Unternehmen bei Gaia-X mitmachen?

Das hängt von Ihren Zielen und Ihren Erwartungen an eine Kooperation ab. Wollen Sie sich vor allem politisch einbringen, die Interessen Ihres Unternehmens oder Ihrer Branche im Gaia-X-Prozess vertreten, dann empfiehlt sich eine Mitgliedschaft im Zentralverband, der AISBL. Wenn Sie dagegen die Idee für ein neues Geschäftsmodell verfolgen, dann empfehle ich, dass Sie sich an den Gaia-X Hub Deutschland wenden oder den nationalen Hub Ihres Heimatlandes. In den Arbeitskreisen präsentieren und diskutieren Mitglieder Use Cases und Ideen für datengetriebene Geschäftsmodelle. Das ist die ideale Plattform für Pioniere. Dafür fallen nicht einmal Mitgliedsgebühren an. Technischen Austausch und Anregungen bieten auch die zahlreichen Hackathon-Events. Zudem wird unser Projektbüro GXFS-DE ab 2023 die Community-Arbeit verstärken und weitere Events für interessierte Unternehmen anbieten.

Wie integriere ich die Föderationsdienste und Gaia-X in mein Unternehmen?

Ermitteln Sie zuerst den konkreten Bedarf für Ihr Projekt! Welche Daten benötigen Sie für Ihre Geschäfts- oder Projektidee? Wie und mit wem müssen Sie dazu Daten austauschen? Wie und womit wollen Sie die Daten verarbeiten? Die Antworten auf diese Fragen sagen Ihnen, welche Föderationsdienste Sie benötigen. Im nächsten Schritt entwickeln Sie ein Implementierungskonzept und entwickeln dann mit dem GXFS-OSS-Framework die Infrastruktur für Ihr Datenökosystem. Wer noch nicht so weit ist, kann trotzdem seine Fühler ausstrecken, sich beim deutschen Gaia-X Hub in Arbeitskreisen engagieren, an einem der zahlreichen Hackathons oder anderen Events des Gaia-X-Kosmos teilnehmen. Klar ist jedoch, dass es Gaia-X nicht als Ready-to-use-Software geben wird.

Welche Rolle spielen die Förderprojekte bei Gaia-X?

Europa ist zu vielfältig, als dass irgendjemand die Dateninfrastruktur für unseren ganzen Kontinent ganz alleine vorgeben könnte. Darum entwickelt Gaia-X die Anforderungen an künftige Daten-Ökosysteme aus der Praxis heraus zusammen mit der IT-Industrie und Anwenderunternehmen in mehr als einem Dutzend Mitgliedsstaaten. Bis jetzt sind datenbasierte Geschäftsideen und durchdigitalisierte Wertschöpfungsketten noch die Ausnahme. Darum benötigen wir Referenzimplementierungen, die auch exemplarisch die Wertschöpfungspotentiale anwenden und anschaulich machen.

Hier spielen Gaia-X-Leuchtturm- oder Förderprojekte eine Schlüsselrolle. Bis 2024 unterstützt allein das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz elf Konsortien für digitale Leuchtturmprojekte mit 122 Millionen Euro. Sie sollen Geschäftsideen umsetzen und bestehende Verfahren und Abläufe in Unternehmen und Behörden mit digitaler Technik verbessern.

Die Förderprojekte sind die ersten, die die neuen Förderationsdienste praktisch einsetzen. Sie nutzen das OSS-Framework, um eigene Föderationen aufzubauen. Ihre Erfahrungen liefern zudem wichtige Hinweise, um die GXFS zu verbessern und auszubauen. Dieser Ansatz bewährt sich. Die Projekte machen sich systematisch mit den GXFS vertraut und wollen sie in ihre Vorhaben implementieren. Das zeigen auch die Ergebnisse unserer Studie, die wir im Oktober auf der GXFS Connect präsentiert haben. Eine Deltastudie, die den weiteren Erfolg in der Implementierung abbildet, folgt im Sommer 2023.

Was ist der Eclipse Dataspace Connector?

Der Eclipse Dataspace Connector (EDC – bald unter der Bezeichnung Eclipse Dataspace Components) ist ein Open-Source-Framework für den souveränen Datenaustausch und den Aufbau von Datenräumen. Grundlagen für den EDC wurden vom Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST in Dortmund im Rahmen der Initiative International Data Spaces Association (IDSA) erarbeitet. Ähnlich wie Gaia-X entwickelt diese Initiative Grundlagen für Domänen übergreifende Datenräume. Zwölf Institute der Fraunhofer-Gesellschaft haben für IDS ein Architekturmodell für Datenräume entworfen, in denen Partner Daten sicher und souverän nach gemeinsamen Standards untereinander austauschen. Der EDC liefert die Technik zu dieser Blaupause und wird nun über einen offenen Community-Ansatz zusammen mit Leuchtturmprojekten wie Catena-X für den produktiven Einsatz weiterentwickelt.

Wie hängen die GXFS und der Eclipse Dataspace Connector (EDC) zusammen?

Der Eclipse Dataspace Connector (EDC) und die Föderationationsdienste (GXFS) sind keine technischen Wettbewerber, sondern bauen aufeinander auf: Der EDC ist eine Lösungsvariante für den Aufbau von Datenräumen. Sie kommt in Gaia-X-Leuchtturmprojekten wie Catena-X zum Einsatz. Die GXFS sind ein Framework für Aufbau und Verwaltung von Föderationen, in denen sich die Mitglieder organisieren. Generell sehen wir Datenräume als Grundlage für den Aufbau digitaler Wertschöpfungsverfahren, die in den Föderationen entwickelt werden. Somit gibt es Überschneidungen und Synergien.

Was passiert, wenn alle Komponenten von GXFS und der Open-Source-Code fertiggestellt sind?

Aktuell ist der Code für die meisten Förderationsdienste öffentlich verfügbar. Bis Ende des ersten Quartals 2023 werden alle Arbeitspakte auf der Plattform der Eclipse Foundation qualitätsgeprüft und optimiert veröffentlicht. Darüber hinaus wollen wir uns vom Projektbüro GXFS-DE ab 2023 vor allem um die Entwickler-Community kümmern und sie mit Events wie Hackathons, Deep Dives und Hintergrundwissen unterstützen.

Warum soll das GXFS-Projekt an die Eclipse Foundation Europe übergeben werden?

Wie bei jedem Open-Source-Projekt ist der Programmcode für die GXFS nie endgültig fertig, sondern entwickelt sich mit den Bedürfnissen der Anwenderunternehmen und -organisationen. Deshalb benötigen wir eine Plattform, um die Zusammenarbeit am GXFS-Code zu organisieren. Auch hierbei stützt sich Gaia-X auf die erfolgreichsten Verfahren und Strukturen im Markt. Die Eclipse Foundation hat sich auf genau diese Aufgabe spezialisiert: Open-Source-Entwicklung zu koordinieren und Standards bei der Entwicklungszusammenarbeit zu gewährleisten. Dazu stellt die Stiftung eine eigene Plattform bereit, auf der Projekte ihren Quellcode veröffentlichen und mit der weltweiten Entwickler-Community bearbeiten.

Ist die Stiftung unabhängig?

Die Eclipse Foundation ist eine gemeinnützige Gesellschaft mit Sitz in Brüssel. Die Ursprünge der Stiftung liegen in der Privatwirtschaft. Das erste Projekt wurde 2001 von IBM initiiert, unterstützt durch ein Konsortium von führenden Softwareanbietern. Seit 2004 ist die Eclipse-Plattform ein echtes Open-Source-Projekt unter Leitung der Eclipse Foundation. 2021 verlagerte die Stiftung ihren Hauptsitz von Nordamerika nach Brüssel und ist dort als gemeinnütziger Verein ohne Gewinnabsichten eingetragen.

Die Eclipse Foundation ist der passende Partner für die Open-Source-Strategie von GXFS: Ihre Plattform und Verfahren für die Kooperation mit der Entwicklergemeinde haben sich in zwanzig Jahren bewährt. Ihr Stiftungsziel ist gerade eine von Anbietern unabhängige, offene und transparente Gemeinschaft zu schaffen, das entspricht auch dem Zielbild von Gaia-X.

Danke für das Interview.

Andreas Weiss & Thomas Sprenger


Jeden Monat auf LinkedIn und www.gxfs.eu

Hier auf LinkedIn sowie auf www.gxfs.eu führen wir Sie jeden Monat durch die Welt von Gaia-X. Unsere Analysen und Interviews präsentieren ihnen Hintergründe und Einblicke, wie eine europäische Initiative und ihre Mitstreiter ein Ökosystem für die Wertschöpfung aus Daten schaffen wollen.

Kopf dieser Artikelreihe ist Andreas Weiss. Als Leiter für digitale Geschäftsmodelle bei eco sowie als Direktor von EuroCloud Deutschland_eco ist Andreas Weiss bestens mit der Internet- und Cloud-Industrie in Europa vernetzt und vertraut. Seine Erfahrungen bringt er in die Gaia-X Federation Services (GXFS) ein, dessen Projekteams für die Entwicklung der Gaia-X-Kerntechnologien verantwortlich sind. Unter Federführung des eco wird das GXFS-DE-Projekt zudem vom deutschen Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) gefördert und steht im engen Austausch mit der Gaia-X Association for Data and Cloud (AISBL). Unterstützt wird Weiss auf diesem Blog von Thomas Sprenger, der als Autor und Texter seit zwanzig Jahren über den digitalen Wandel schreibt.

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